Stebe: "Ich versuche in den Kopf des Gegners zu kommen"

Cedrik-Marcel Stebe ist zur Zeit in aller Munde. Er hat sich nach langen Verletzungspausen auf Position 79 der Weltrangliste vorgearbeitet und damit rund 400 Plätze dieses Saison gutgemacht. Im Singles Race der ATP taucht er schon auf Position 68 auf. Cedrik war so nett und hat sich eine halbe Stunde Zeit genommen, um mit Turnierdirektor Heiko Hampl das folgende Interview zu führen.

 

 

Hallo Cedrik, wo erwischen wir dich denn gerade?

 In der Base in Oberhaching. Habe gleich noch Physiotherapie. Ich spüre die hohe Belastung der letzten Wochen natürlich schon. Deswegen ist die Pflege des Körpers sehr wichtig.

 

Viele wissen vielleicht gar nicht mehr so genau, warum du lange pausieren musstest. Gib doch mal Einblick in deine Krankenakte.
2013 Januar bekam ich eine Hüftbeuger Überdehnung, die mich praktisch das ganze Jahr außer Gefecht gesetzt hat und auch eine Operation im Oktober mit sich brachte. Im Februar 2014 kamen Beschwerden mit dem Ischiasnerv hinzu, die bis April anhielten. Dazu gesellte sich dann auch noch eine Entzündung am linken Schambein, so dass bis November 2014 nicht an Tennis zu denken war. Im März 2015 März erlitt ich noch eine Stressfraktur oberhalb vom rechten Schambein, die mir es eigentlich unmöglich machte zu trainieren. Erst in 2016 ließen die Beschwerden nach und ich konnte mein Comeback starten

 

 

Wie hält man die Motivation hoch, wenn man so weit zurückgeworfen wird und ist das nicht auch finanziell problematisch so lange auszusetzen?
Ich hatte ja zum Glück die Zeit davor sehr gut gespielt und mir ein finanzielles Polster erarbeitet. Schlimmer waren die andauernden Rückschläge eigentlich für die Psyche. Da gab es schon Phasen, in denen ich down war. Ich habe mich dann vom Tennissport etwas losgesagt und viel Zeit mit Freunden und Familie verbracht, um Abstand zu gewinnen.

 

 

Was ist so reizvoll am Leben eines Tennisprofis, dass man sich immer wieder zurückkämpft?
Man sieht die Welt, auch wenn man natürlich oft an der Veranstaltungsstätte und im Hotel ist. Man lernt neue Menschen kennen und ihre Kultur. Tennis ist einfach ein Wahnsinnssport, der mir unendlich viel Spaß macht und der einem natürlich auch viel Bestätigung geben kann, wenn man erfolgreich auf der Tour performt.

 

 

Wie lief deine Entwicklung zu einem Profi?
Ich hatte bis zur mittleren Reife nur dreimal die Woche trainiert und wollte es dann wissen. Ich bin für ein Jahr nach Italien gegangen und habe mich dann von 0 auf 5 der Juniorenweltrangliste hochgearbeitet. Das gab den Impuls, es mit dem Profitennis probieren zu wollen.

 

 

Das Wochenende war eines der rekonvaleszenten mit deinem Turniersieg, dem von Matthias Bachinger und Peter Gojowczyk. Zwei, nämlich Du und Matthias, sind an der Base in Oberhaching. Ist es ein Vorteil so viele gute Spieler an der Base zu haben, wo ja auch Kohlschreiber, Marterer uva. trainieren?
Für mich macht das Gesamtpaket den Unterschied bzw. Mehrwert aus. Wir haben top Trainer mit großer Erfahrung im Spitzensport, eine tolle Physio Abteilung und eine gute Infrastruktur. Die vielen Profis, mit denen man auf einem hohen Level spielen kann, sind ebenfalls ein plus. Wir spornen uns gegenseitig an.

 

 

Wir haben dich in Koblenz gesehen, als du das Viertelfinale erreicht hattest und im Finale von Marburg. Was hat dich in diesem halben Jahr besser gemacht, ist es vornehmlich das Selbstvertrauen, das mit jedem Sieg ein bisschen mehr zurückkommt?
Im Januar war ich körperlich noch angeschlagen. Ich hatte vorher kein Turnier wirklich durchgespielt. Inzwischen bin ich vor allem körperlich weiter. Wenn ich ein Match über dreieinhalb Stunden absolviere, weiß ich, dass ich am nächsten Tag trotzdem wieder konkurrenzfähig bin. Das ist ein gutes Gefühl. Das mit den Erfolgen auch ein gewisses Vertrauen in die eigene Stärke wächst, ist wohl unbestritten.

 

 

Welcher ist dein Lieblingsbelag und gibt es so etwas wie ein Lieblingsturnier? Du darfst auch andere Turniere als Koblenz und Marburg nennen…
Ich mag eigentlich Sand am liebsten, obwohl ich auf Challenger Ebene mehr Turnieresiege auf Hardcourt hatte. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich in der Jugend auf dem Belag groß geworden bin. Generell wird man mich als Allrounder klassifizieren. Es gibt keinen Belag, den ich nicht spielen kann. Ein Lieblingsturnier habe ich nicht. Es sind so viele schöne Events über das Jahr gesehen, dass ich mich da nicht festlegen kann.

 

 

Was sind deine Ziele für das nächste Jahr? Wir vermuten dass die diesjährigen Wünsche und Ziele bereits übererfüllt sind.

Das Hauptziel ist es natürlich gesund zu bleiben und dass man nicht zu lange pausieren muss, wenn man mal eine Verletzung oder Krankheit hat. 25 Turniere würde ich gerne wieder in 2018 spielen. Die Top 50 sind nicht mehr weit entfernt und bis Paris habe ich nicht viele Punkte zu verteidigen. Letztlich will ich einfach mein bestes Tennis spielen und dann wird sich das schon positiv in den Ergebnissen niederschlagen.

 

 

Wie würdest du deinen Spielstil beschreiben, wo liegen deine Stärken bzw. Besonderheiten?
Ich bin ein guter Konterspieler und bewege mich sehr gut. Mit meiner Spielweise versuche ich in den Kopf des Gegners zu kommen, ihn zur Verzweiflung zu bringen.

 

 

Du hattest zwei Abendspiele bei den Koblenz Open. Wie hast du die Matches und das Turnier erlebt?
Ich fand es erstaunlich gut, war positiv überrascht. Die Zuschauer waren sehr motiviert und emotional. Außerdem mag ich es, wenn Boden in einer Halle verlegt wird. Das ist immer ein besonderes Flair. Der Funke ist gut übergesprungen und das macht einem Spieler natürlich Spaß, wenn etwas von den Zuschauern zurückkommt.

 

 

Wirst du jetzt überhaupt noch Challenger spielen?
Auf jeden Fall. Ich versuche eine gesunde Mischung aus Challengern, größeren Turnieren und den Grand Slams zu schaffen. Man darf nicht nur auf das Preisgeld schauen. Mir ist es lieber 5 Jahre dauerhaft in den Top 100 zu stehen, als kurzfristig mehr zu verdienen. Bei so einer Strategie spielen die Challenger eine wichtige Rolle.

 

 

Was vermisst du am meisten, wenn du unterwegs bist?
Die Freundin zu allererst. Aber auch mein zu Hause. Das ist eben das natürliche Gefühl von Geborgenheit in einem gewohnten Umfeld. Familie und Freunde leben in Stuttgart. Die bekomme ich nicht so oft zu Gesicht und freue mich daher immer sehr, wenn ich sie treffe. Und nicht zuletzt ist es die Deutsche Küche.

 

 

Gegen welchen Deutschen Spieler spielst du nicht gerne und warum?
Ich mag Duelle mit Deutschen Spielern und habe kaum welche verloren. Ich kann mich nur an die Niederlage in Koblenz gegen Daniel Masur erinnern, als ich aber noch nicht richtig fit war und einmal habe ich in drei Sätzen gegen Kohlschreiber den Kürzeren gezogen. Es könnte also eher sein, dass mein Name fällt, wenn du die Frage anderen Deutschen Spielern stellst.

 

Du hast ja vielleicht mitbekommen, dass Benjamin Hassan den Weg zum Profi beschreitet. Worauf sollte ein junger Spieler wie Benny achten?
Ich denke, man braucht den unbedingten Willen es zu schaffen, damit man auch die schlechten Phasen übersteht. Meine Vita zeigt, dass man den Körper pflegen muss und immer wieder Pausen einlegen sollte zur Regeneration. Völlig talentfrei sollte man auch nicht sein.

 

Danke für das Gespräch, viel Erfolg für die nächsten Turniere Cedrik und bleib gesund!
Danke dir und ich hoffe, dass mir die Koblenzer und Marburger nächstes Jahr während den Australian Open und Wimbledon die Daumen drücken.