Dirk Hordorff: "Mit Davis Cup hatte dieses Turnier wenig zu tun""

Dirk Hordorff hat zwei Spieler in die Top 10 der Welt gebracht mit Rainer Schüttler und Janko Tipsarevic.

Er ist Vizepräsident beim DTB  und für die Leitung des Ressorts III (Spitzensport, Ausbildung und Training) zuständig.

Wie bewertest du das Jahr der deutschen Herren? Eher enttäuschend, da bei den Grand Slams die erhofften Erfolge vor allem für Alexander Zverev ausgeblieben sind?

 Sascha hat in seinem jungen Alter zum zweiten Mal das ATP Finale in der O2 Arena in London erreicht. Unter den besten 8 ATP Spielern zu sein, ist ein Erfolg. Das zweite Jahr in den Top 10 ist immer das schwerste. Da gab es viele Auf und Abs bei Sascha. Aber es war schön zu sehen, wie er den Kampf gegen die Krise aufgenommen hat und erfolgreich bewältigt hat.

 

 

Welcher deutsche Spieler hat dich positiv überrascht diese Saison und warum?

 Jan Lennard Struff hat eine deutliche Leistungssteigerung hingelegt. Er hat viel konstanter als in den vorigen Jahren auf hohem Niveau gespielt. Das hat er auch für das deutsche Team im Davis Cup 2019 gezeigt. Und Dominik Köpfer war der Überraschungsmann 2019. Seine Leistungen bei den US Open hat seine Berufung in das Davis Cup Team gerechtfertigt. Sascha, wie oben gesagt, hat es wie im Vorjahr ins Masters der besten 8 Spieler der Welt geschafft. Das werte ich als sehr positiv.

 

 

Du hast zwei Spieler in die Top 10 der Welt gebracht mit Rainer Schüttler und Janko Tipsarevic. Welche drei Charaktereigenschaften sollte man deiner Meinung nach als Profi unbedingt haben?

Es ist der Wille, den der Spieler haben muss, nach oben kommen zu wollen. Es ist nicht einfach sich jeden Tag mit voller Konzentration seinem Beruf zu widmen. Und Talent und außergewöhnliche Fähigkeiten hat nicht jeder. Rainer und Janko hatten diese. Und als Coach ist es halt die Kunst, genau diese Fähigkeiten in das Tennis des Spielers so zu integrieren, dass das Optimum erzielt wird. Wille, Fleiß und positive Motivation sind wichtige Bausteine des Erfolgs.

 

Immer mehr Spieler wie Dominik Köpfer, Yannick Maden, Yannick Hanfmann, Julian Lenz sind den Weg über das College gegangen. Mit Erfolg. Wie nimmst du diese Entwicklung wahr und gibt es Überlegungen beim DTB diesen Ausbildungsweg sogar zu unterstützen?

 Das College ist nicht der optimale Weg, um erfolgreich eine Profikarriere anzugehen. In Zeiten, in denen der DTB keine vernünftige Förderung anbieten konnte, war es aber für viele Spieler der zweiten Garnitur die sicherste Lösung. Und es freut mich, dass es mit Dominik Köpfer einer geschafft hat, in die Top 100 vorzudringen, den man gar nicht auf dem Radar hatte.

 Yannik Maden und Yannick Hanfmann waren ja auch schon im Hauptfeld von Grand Slams und Julian Lenz hat in der zweiten Jahreshälfte auf sich aufmerksam machen können. Wir als DTB unterstützen Leistung, keine Berufswege. So konnten Dominik Köpfer, Yannik Maden und Yannik Hanfmann Prämien für gezeigte Leistungen vom DTB erhalten. Diese Prämien hängen vom Alter und der Weltranglistenposition ab. Sie sollen jedem die Chance bieten, unabhängig von Trainer oder anderen Meinungen durch Leistung Förderung erhalten. Dieses System wird im kommenden Jahr noch größere Förderungsmöglichkeiten für deutsche Nachwuchsspieler bieten.

 

Du warst bei den Davis Cup Finals in Madrid vor Ort. Was hat dir gefallen, was nicht?

Unser Team war eine Einheit, hat toll gekämpft. Schade, dass es gegen England am Schluss nicht ganz gereicht hat. Die Engländer haben knapp, aber nicht unverdient gewonnen und das Halbfinale erreicht. Das Turnier war gut organisiert. Die Veranstalter haben sich viel Mühe gegeben. Aber mit 18 Teams in einer Woche war der Zeitplan nicht sehr glücklich. Mit Davis Cup hatte dieses Turnier wenig zu tun. Vielleicht für die Spanier, aber nicht für die anderen 17 Teams.  Das war mehr eine Exhibition wie der frühere World Team Cup in Düsseldorf. Trotz des späten Termins waren die Matches auf einem hohen Niveau.

 

 

Ihr habt im März 2020 ein Heimspiel. Eigentlich. Weißrussland, das eine Heimspielsperre auferlegt bekommen hat, darf noch Protest einlegen. Ist das nicht eine katastrophale Situation für Euch? Man findet doch kaum innerhalb weniger Wochen eine große Multifunktionsarena und der Ticketverkauf im Weihnachtsgeschäft fällt doch auch weg oder?

Das ist richtig. Wir haben vom DTB mehrmals auf dieses Strukturproblem des Davis Cups hingewiesen. So eine Zeitschiene schadet der Sportart Tennis. Da werden große Chancen nicht genutzt, Tennis in vielen Ländern gut zu präsentieren. Aber das scheint bei der ITF keinen zu interessieren. Schade, dass Europa hier nicht mit einer Stimme spricht. 70 Prozent der Spieler in den Top 100 bei den Herren kommen aus Europa. Leider sind die verantwortlichen Präsidenten der Länder mehr an Ihren eigenen Karrieren und Pöstchen interessiert als dafür Sorge zu tragen, dass Tennis vernünftig gemanagt wird.

 

 

Wenn Federer mit Zverev vor 42517 Menschen wie in Mexiko City spielt, läuft dann die ATP Tour auf Dauer Gefahr an Wert zu verlieren, wenn sich solche Events mehren? Der Laver Cup liegt ja auch mitten in der Saison ohne dass Punkte für das ATP Ranking vergeben werden.

Federer ist Federer. Und er fasziniert die Massen. Es ist natürlich einfach große Mengen von Zuschauern zu generieren, wenn Roger ein Match in einem Land austrägt, wo er noch nicht gespielt hat. Das sind dann zwei, vielleicht drei Stunden Events. Das kann man nicht mit einem Turnier vergleichen, das eine ganze Woche stattfindet. Die Anzahl der Zuschauer in Halle, Stuttgart, Hamburg oder München ist insgesamt größer als die von einem Federer Schaukampf. Die verteilen sich nur über eine Woche. Und Federer wäre ohne die Tour und die Grand Slams nicht die Persönlichkeit, der es heute möglich ist, so viele Zuschauer in den Bann zu ziehen.

 

 

Wenn man sich die Turniere der Challenger Ebene ansieht, gibt es sehr viele konkurrenzfähige Young Guns, wie Yannick Sinner, Felix Auger-Aliassime, Jack Draper und Carlos Alcaraz, die dort aktiv sind oder von diesem Level gerade den nächsten Schritt geschafft haben. Täuscht der Eindruck oder haben wir da in Deutschland ein Loch, das nach Rudi Molleker entstanden ist und wenn dem so ist, wie wollt ihr gegensteuern?

 Wir haben in Deutschland jahrelang versäumt, vernünftige Nachwuchsarbeit zu leisten. Auch dadurch bedingt, dass das BMI und der DOSB Tennis nicht gefördert haben. Heute sind wir das weiter und versuchen dem Nachwuchs faire Chancen zu bieten und vernünftige Jugend und Nachwuchsförderung zu machen. Aber wie ich gerne sage: Ein Baby zu bekommen dauert 9 Monate, einen Tennis Spieler oder Spielerin nach oben zu bringen 9 Jahre. Deshalb müssen wir mit Augenmaß und der notwendigen Geduld dieses Thema angehen.